Titel: sinnvolle Handynutzung

Thema: unterschiedliche Arten von Sucht

Medium: Film

Der zweite Platz hat es uns nicht leichter gemacht als der dritte. Im Gegenteil. Gespannt begutachteten wir den Beitrag: im ersten Moment schien alles klar, im zweiten begannen wir zu grübeln, im dritten wollten wir wissen, worauf die Klasse jetzt genau hinaus will. Und am Ende stand ein großes Fragezeichen. Oder ein fränkisches „Hä?“ Und wieder begann die große Diskussion und plötzlich war der Beitrag auf dem zweiten Platz.

 

Er erhielt in der Kategorie 23, 19, 16, 13, 12 Punkte. Er ging mit insgesamt 83 Punkte an die Klasse 8c des Frobenius-Gymnasiums in Hammelburg.

 

Was der Zuschauer nicht weiß, ich möchte fast sagen „zum Glück nicht weiß“ und was wir deshalb auch nicht in unsere Bewertung einfließen ließen, ist der Name der Filmdatei: sinnvolle Handynutzung. Das lenkte unseren Blick eindeutig in Richtung Handy. Dann startet der Film auch noch mit einem Handyplan, einem Bild, das uns an einen Stundenplan erinnert. Was aber ist ein Handyplan? Klingt nach Eltern mit eindeutigen Regeln, die die Benutzung des Handys festlegen. Da kein Eintrag enthalten ist, stellte sich die Frage, ob das Handy nicht erlaubt war. Oder sollte es vielleicht genau anders herum sein? Wer zu oft das Handy benutzt macht sonst nichts mehr? Die Auflösung dazu bekommen wir erst am Ende des Films. Das weiß er Betrachter aber nicht und lenkt seinen Blick weiterhin auf das Thema Handy.

 

Dann erzählt der Film seine erste Geschichte. Ein Junge sitzt am Klavier und spielt. Nach wenigen Sekunden stellt sich der aufmerksamen Zuschauer schon die Frage, ob der Junge die Musik spielt oder ob sie eingeblendet ist. Schnell erahnt man, dass die Musik eingeblendet ist, als der Film plötzlich selbst eine Antwort darauf gibt: der Schüler hört auf zu spielen, die Musik läuft weiter. Und schon sind wir wieder beim Thema: dem Handy. Als Zuschauer glaubt man sofort die Aussage des Films zu erfassen: dieses blöde Handy lenkt uns ständig von den schönen Dingen des Lebens ab und drängt sich in den Mittelpunkt.

 

Was der Zuschauer noch nicht weiß: er täuscht sich mit seiner Vermutung. Das wird nämlich erst in der nächsten Kurzgeschichte deutlich. Und doch gibt die erste Geschichte zwei Hinweise darauf: zum einen empfängt der junge Mann keine Nachricht, sondern er schreibt sie. Zum zweiten kann man ihm einen freudig, hoffnungsvollen Blick anmerken, als er vom Klavier aufsteht. Worauf freut er sich und wem hat er geschrieben?

 

Die zweite Geschichte gibt noch keine eindeutige Antwort. Ein Mädchen kauft offenbar Kleider ein, sie sucht aus und probiert, bis sie eine Nachricht empfängt. Wir können erkennen, dass es die Nachricht des Jungen ist. Auch sie wird in ihrem Tun unterbrochen. Und wieder ist sich der Zuschauer sicher: dieses blöde Handy lenkt uns ständig von den schönen Dingen des Lebens ab und drängt sich in den Mittelpunkt. Der Zuschauer weiß es noch nicht, aber er täuscht sich vermutlich schon wieder. Und wieder entdecken wir denselben Hinweis, denn im Blick des gehenden Mädchens liegt eine Vorfreude auf etwas, das wir noch nicht kennen.

 

Auch in der dritten, vierten und fünften Geschichte wird durch die Kurznachricht ein Vorgang unterbrochen. Aber diesmal ist es anders. Die Kurznachricht unterbricht nämlich jeweils einen Menschen bei seinem eindeutig süchtigen Verhalten. Die Nachricht unterbricht die Bulimie, sie unterbricht das Rauchen und auch das Trinken. Und plötzlich sind wir als Betrachter verwirrt: jetzt lenkt uns dieses „blöde Handy“ von der Sucht ab und unterbricht sie einfach.

 

Wir warfen uns in der Jury die Blicke zu: Was ist die Aussage des Films: man könnte so schön seiner Sucht nachgehen, wenn dieses blöde Handy einen nicht immer unterbrechen würde? Schalte dein Handy aus und du kannst so schön kotzen gehen, rauchen oder trinken? Was will die Klasse?

 

Es ist ein wenig wie in einem guten Roman, wenn der Handlungsstrang plötzlich eine völlige Wendung bekommt und alles in einem ganz anderen Licht erscheint. Genau das macht einen Krimi unglaublich spannend. Und genau das gelingt der Klasse auch mit ihrem Film.

 

Wir mussten uns in der Jury am Ende alle eingestehen, dass jeder von uns den Film auch außerhalb der Jurysitzung hätte fertig schauen wollen, weil wir herausfinden wollten, wohin er uns noch führen würde. Das ist gut, denn nur so kann er auch seine Wirkung entfalten.

 

In der sechsten Geschichte ahnen wir schon, dass die junge Frau nicht einfach nur joggt, sondern dass es um Sportsucht gehen soll, genauso wie es vermutlich in der zweiten Geschichte um Kaufsucht geht. Aber noch immer wissen wir nicht, welche Botschaft so stark war, dass sie alle ihr Tun aufgegeben haben und lieber dieser Nachricht folgen.

 

Erst jetzt gibt der Film eine Antwort, sie alle treffen sich um gemeinsam Musik zu machen, vielleicht um eine Band zu gründen.

 

Und genau damit trifft die Klasse den wichtigsten Nerv der Präventionsarbeit. Wir wissen in der Prävention längst, dass Aufklärung über die Folgen von Sucht nur eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite besteht aus der wichtigen Frage: was kann ich denn dann tun, wenn ich diese Sucht nicht mehr habe. Die Frage kann lauten: wie kann ich denn dann mit meinem Problem umgehen? Oder wie die Klasse diese Frage stellt: was kann ich denn dann schönes tun im Leben?

 

Und genau darauf gibt der Film eine von vielen möglichen Antworten.

Man kann die Nachricht auf den Handys nicht wirklich gut lesen, aber dort steht eine spannende Frage: Was machst Du so? Wow, wenn ich gerade völlig desillusioniert meinen Wodka einschenke, mir die Kippe anmache oder gerade vor dem Klo sitze, dann ist die Frage ein Schlag ins Gesicht. Denn das was ich gerade tue will ich dann nicht mal mehr in eine Antwort schreiben.

Und die Kurznachricht geht weiter: Bin gerade in der Schule bei Musik. Hast Du Lust vorbei zukommen, macht echt Spaß.

 

Und genau das ist eine mögliche Antwort auf die Frage, was wir Schönes im Leben tun können. Wir könnten Musik machen. Dabei werden zwei Aspekte von der Klasse hervorgehoben: das Musik machen selbst und das gemeinsame Erlebnis. Und diese Musik muss noch nicht einmal perfekt sein, sondern sie muss Spaß machen. Das ist vielleicht nicht so gewollt, aber der Film drückt es trotzdem aus. Denn auch im Film ist die gemeinsame Musik nicht wirklich der nächst Ohrwurm, aber sie macht vielleicht trotzdem Spaß. Das macht den Film realistisch.

 

Dem Film gelingt es, in kurzen und prägnanten Szenen mit einer sehr ansprechenden Klaviermusik untermalt, die Monotonie des süchtigen Alltags überdeutlich darzustellen. So deutlich, dass man zumindest in den Kurzfilmen Bulimie, Rauchen und Trinken keine Lust empfindet mitzumachen. Und kann uns der Film eine Vision von schönen Dingen mitgeben. Die Idee hinter dem Film ist genial.

 

Der einzige Wehrmutstropfen ist die Musik am Ende. Hier hätte man sich einen Song gewünscht, der uns am liebsten aufstehen und mitsingen machen wollte. Dann hätte man die Botschaft des Films noch schöner übermitteln können.

 

Ganz am Ende des Films wird aus dem leeren Handyplan ein Spaßplan. Und plötzlich wird deutlich, dass der Film neben der Kaufsucht, Bulimie, dem Rauchen, Trinken und exzessiven Sport auch das Thema Handynutzung anschneidet.

 

Und dieser Spaßplan ist voll. Er verrät uns, dass Musik nur eine mögliche Alternative zur Sucht ist: Schwimmen, Kinoabend, Essen gehen, Übernachten bei Freunden …. Es gibt so viel, was das Leben lebenswert macht.

 

Und erst wenn man ganz genau hinsieht, dann entdeckt man plötzlich, dass für all diese Dinge weder das große Geld noch die professionelle Hilfe nötig ist. Wir alle sind es, die als Freunde, Verwandte oder Bekannte das Leben unserer Mitmenschen lebenswert machen können.

 

Herzlichen Dank für diese Botschaft und herzlichen Glückwunsch an die Klasse 8c des Frobenius-Gymnasiums in Hammelburg.

   
© AK Prävention