Titel: Besuch aus Hogwarts

Thema: Rauchen, Gruppenzwang

Medium: Film

Manchmal schaut man sich einen Beitrag einfach nur an und wenn er fertig ist verteilt man seine persönlichen Punkte. Wenn der Beitrag aber Fragen offen lässt, dann kommt man in die Diskussion. Wie seht ihr? Habt ihr das auch so verstanden? Was wollte die Klasse jetzt genau damit ausdrücken. In diesem Jahr tauchten diese Fragen ständig auf und sie führten immer wieder zu Diskussionen über die mögliche Aussage des Beitrags. So auch beim dritten Platz.

 

Er erhielt in der Kategorie 22, 19, 19, 10, 10 Punkten. Er ging mit insgesamt 80 Punkte an die Film AG der Mittelschule in Bad Brückenau.

 

Als der Film während der Jurysitzung abgelaufen war saßen wir erst einmal sprachlos da. Wie wirksam kann ein Film mit so viel Phantasie, in dem ein Mädchen aus Hogwarts kommt, dann mit Zauberei in Geschichte eingreift und alles verändert, denn ernsthaft präventiv sein. Ist das nicht so übertrieben, dass es schon keinen Realitätsbezug mehr hat?

 

Wie so oft in der Diskussion fielen dann aber plötzlich ein paar Dinge auf, die uns erste Anhaltspunkte bezüglich der Wirkung des Films gaben. Gerade weil wir nicht wussten, worauf der Film genau hinaus will, hatte er schon zu Beginn unser Interesse geweckt. Wir hätten ihn auch außerhalb der Jurysitzung alle fertig angeschaut, weil wir neugierig genug geworden waren, um auch das Ende der Geschichte erfahren zu wollen. Zweitens diskutierten wir gerade heftig darüber, was wir als Beleg werteten, dass uns der Inhalt des Films zur Nachdenken anregte. Letztlich fiel uns zum Ende der Jurysitzung, also nachdem wir schon längst andere Filme gesehen hatten, auf, dass wir die Story noch nacherzählen konnten. Sie blieb uns also im Gedächtnis. Und damit hatte der Film schon einen gewissen Standard erreicht, der ihn in die engere Auswahl der Gewinner rückte.

 

Der Film erzählt im Wesentlichen von drei markanten Rollentypen. Da ist zum einen die ungewöhnliche Ella, die aus Hogwarts stammt und zaubern kann. Das mag natürlich alles viel Phantasie sein, aber sie bringt auch ein paar Eigenschaften mit sich, die wir im alltäglichen Leben antreffen können. Sie ist die neue, die noch nicht in eine Gruppe integriert ist. Sie ist anders als die anderen, sie fällt durch ihr Outfit auf, aber auch durch ihr Verhalten. Vor allem aber strotzt sie vor Selbstbewusstsein. Anders, als wir es in Präventionsfilmen häufig sehen, zeigt sie überhaupt keine Versuche, sich der Gruppe anzupassen, um künftig dazu gehören zu können. Sie bleibt ihrem Stil absolut treu. Das bringt Spannungen mit sich. Für die Gruppe, aber auch für den Film.

 

Die Gruppe der Raucher ist eine handelsübliche Clique junger Menschen, die miteinander befreundet sind und die ein sehr homogenes Verhalten zeigen: sie stehen gemeinsam, sie sitzen gemeinsam, sie gehen gemeinsam, sie rauchen gemeinsam. Keiner bricht wirklich aus, keiner hebt sich wirklich vom anderen ab. Nur Sascha soll im Laufe des Films in eine Liebesgeschichte mit Ella verstrickt werden. Für wen wird er sich entscheiden? Für Ella oder die Clique?

 

An genau dieser Stelle wird der Film für uns spannend. Dass sich Sascha und Ella verlieben ist nicht zu übersehen. Geschickt stellt die Klasse die Schmetterlinge im Bauch dar, die Schauspieler (hier vor allem Sascha, der im richtigen Leben Pascal heißt) glänzen geradezu in ihrer Rolle. Das kostet in eurem Alter Mut und darf deshalb auch mit einer gewissen Achtung bewundert werden.

 

Als die Clique dann zum Rauchen geht entscheidet sich Sascha plötzlich dazu, lieber bei Ella zu bleiben und sowohl auf die Raucherclique, als auch auf das Rauchen zu verzichten. Das ist gut gemacht, zeigt es doch auch, welche Macht „Verlieben“ haben kann. Liebe kann stärker sein als Sucht! Wir beobachten das auch in unserer Arbeit mit süchtigen Menschen. Allerdings hält dieser Effekt nur sehr kurz an. In der Realität gewinnt nach kurzer Zeit fast immer die Sucht. Und da wird die Film AG plötzlich sehr realistisch. Sascha versucht in einem ersten Schritt beides miteinander zu verbinden, da bietet er Ella das Rauchen an und versucht sowohl der Gruppe und dem Rauchen treu zu bleiben und gleichzeitig Ella zu behalten. Das aber funktioniert nicht, denn Ella lässt sich nicht auf das Rauchen ein. Sie bleibt ihrer Überzeugung treu und verzichtet lieber auf die Integration in die Gruppe. Damit bringt sie die Gruppe allerdings auch gegen sich auf. Und plötzlich wird aus der „Liebe“ auch Wut. An späterer Stelle packt Sascha Ella sogar am Kragen. Das kommt im Film zwar sehr schnell, aber genau das kann ich in der Arbeit mit süchtigen Menschen sehr häufig beobachten. Wie oft werden Partner, häufig Frauen, sogar verprügelt, wenn sie durch ihr abgrenzendes Verhalten (auch Verbote), dem Partner deutlich machen, dass die Sucht ein übermächtiges Problem geworden ist. Im Film passiert genau dasselbe. Zwar durch Zauberei verursacht, aber trotzdem wird die Folge der Sucht überdeutlich, während Ella einfach über diesen Dingen steht.

 

Aber nun zur Sucht. Man muss sich wirklich in den Film und in die Eigenarten einer Sucht hineindenken, um zu erkennen, wie genial die Film AG mit dem Thema Sucht umgeht. Was ist denn das Problem einer Sucht? Ein wesentliches Problem liegt darin, dass jede Sucht im Moment des Tuns (also des Rauchens, des Trinkens, des Konsumierens, des Ritzens, des Übergebens) zunächst einmal einen angenehmen Effekt hat. Nikotin beruhigt, Alkohol enthemmt, manche Droge lässt vergessen, schlagartig entspannen. Das, was der Süchtige unmittelbar wahrnimmt, ist für ihn erst einmal angenehm. Genau das macht es so schwer zu vermitteln, warum Drogen gefährlich sind. Sie werden schließlich vom Konsumenten als etwas Positives und hilfreiches wahrgenommen. Die negativen Folgen entstehen viel langsamer und kommen später. Kaum jemand bringt diese negativen Folgen dann noch mit der Droge Verbindung. Im Gegenteil. Wenn der Süchtige merkt, dass sein Leben nicht recht funktioniert und er dann wieder seiner Sucht nachgeht, hat er sofort den Eindruck, dass die Droge ihm hilft. Dass die Droge überhaupt erst das Problem verursacht ist außerhalb der Wahrnehmung. Würde der Süchtige die Folgen der Sucht schneller wahrnehmen, also unmittelbar nach dem Konsum, dann würde vermutlich kein Mensch süchtig werden.

 

Und genau an dieser Stelle wird Ellas Zauber spannend. Sie hat keinen Herzinfarkt gezaubert, auch keine Raucherhand oder Raucherzähne. Sie hat den Effekt beschleunigt. Das sagt sie auch so im Film Sie hat die Folgen, die oft Jahre auf sich warten lassen, einfach sofort auftreten lassen. Eine geniale Idee. Wie hilfreich wäre uns so ein Zauber in der Arbeit mit süchtigen Menschen.

 

Als Ella den Zauber rückgängig macht, entscheiden sich alle Personen auch gegen das weitere Rauchen. Plötzlich ist allen bewusst geworden, was das Rauchen mit ihnen anstellen wird. Das kennen wir auch unserer Arbeit. Immer wieder sagen Menschen: „Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, dann hätte ich nicht angefangen.“ Der Betrachter des Films bekommt nun die Aufgabe mit auf den Weg, diese Beobachtung auf seinen persönlichen Alltag zu übertragen.

 

Der Film präsentiert uns aber auch noch ein weiteres Thema. Allzu oft erwarten wir, dass wer neu in eine Gruppe kommt, sich dieser Gruppe anpassen müsste. Wir haben es auch in anderen Filmen heute gesehen. Integration bedeutet aber nicht, dass sich einer anpassen muss, sondern dass sich alle aufeinander zubewegen müssen. Manchmal dürfen wir uns auch von den Fremden etwas abschauen und das übernehmen. Und genau das hat uns dieser Film sehr realistisch gezeigt: die einen hören auf zu Rauchen und Ella lässt sich von ihren Worten überzeugen und nimmt den Zauber zurück.

 

Nicht zuletzt brilliert dieser Film durch eine sehr hohe Qualität. Zwar wechseln die Jugendlichen ihre Kleider im Film ständig, dafür spielen sie ihre Rollen wunderbar aus. Außerdem überzeugen Bild und Ton, die Szenenübergänge sind gut gewählt. Das gibt in Kategorie 3 (Qualität) überragend viele Punkte, mehr Punkte als der zweite und erste Platz noch holen werden.

 

Herzlichen Glückwunsch an die Film AG der Mittelschule Bad Brückenau.

   
© AK Prävention