Titel:

Thema: Computersucht

Medium: Film

 

Da kommt gefühlt ein halbes Projekt bei uns an. Ohne richtigen Anfang und ohne richtiges Ende. Kann das gut gehen? Wir zweifeln erst, doch nach Auswertung aller Punkte finden wir den Beitrag auf dem dritten Platz. Knapp nur vor dem vierten, aber trotzdem. Und das hat seinen Grund.

 

Dieser halbe Beitrag hat 20 15 12 7 9, 63 Punkte und geht an die Klasse 8a des Johann-Philipp-von-Schönborn Gymnasium in Münnerstadt.

 

Der Beitrag der Klasse 8a kommt tatsächlich ohne Anfang und Ende daher. Das verwunderte die Jury zuerst. Hat die Klasse das vergessen? Wir wissen es nicht, aber das vermeintliche Manko löste nach genauerer Betrachtung auch eine gewisse Faszination aus. Es ist so, als erzählten die Macher des Films nicht die Geschichte eines Schülers, sondern irgendeine Geschichte irgend eines Schülers. Es ist so, als hätte jemand eine Kamera in irgendeine Schule geschleppt und zu einem wahllosen Zeitpunkt an und später wieder ausgemacht, als wäre die Geschichte aus unzähligen Geschichten willkürlich herausgegriffen. Und genau dieser Gedanke gefällt. Denn Sucht findet ständig irgendwo statt. Und sie kann fast jeden Menschen betreffen.

 

Ein Film, der keinen richtigen Anfang hat, hat auch keinen Titel. Und so hat der Betrachter auch noch keine Ahnung, worum sich die Geschichte drehen könnte. Wir bekommen einen ersten Hinweis erst durch das Fehlen des Schülers Nico, der, wie sich kurz später herausstellt, schon seit mindestens drei Wochen zu spät kommt. Das passt und stellt Sucht irgendwie auch richtig dar. Im realen Leben entdeckt das Umfeld häufig auch erst die Symptome: Impulsivität, Unzuverlässigkeit, Lügen, Streit, Müdigkeit, Leistungsverlust ... Weder im Film noch in der Realität wissen wir sofort, warum das so ist.

 

Im gemeinsamen Gespräch verspricht der Schüler der Lehrerin, dass das verspätete Erscheinen in der Schule Vergangenheit ist und nicht mehr vorkommen wird. Auch das ist typisch Sucht. Falsche Versprechen (zum Beispiel auf den Konsum oder das Zocken künftig zu verzichten) gehören auch da zur Tagesordnung. Und manchmal glaubt der Betroffene sogar, dass er das Versprechen einhalten könnte. Dabei steht schon, während der Schüler das Versprechen ausspricht, fest, dass zumindest das Zocken kein Ende finden wird, dass es nur besser versteckt werden muss.

 

Einen weiteren spannenden Hinweis gibt uns das Gespräch mit der Lehrerin. Da sagt der Schüler: "Dann fragen Sie bitte auch gleich, was es zu Essen gibt." Ist das ein frecher letzter Satz oder ist es am Ende der Hinweis auf die Verhältnisse zu Hause? Will er die Lehrerin darauf hinweisen, dass es möglicherweise häufig nichts zu Essen gibt? Ist das Zocken vielleicht ein Hinweis auf mangelnde Zuneigung und Beachtung im elterlichen Haus? Wir erfahren die Antwort im weiteren Verlauf des Films nicht, es gibt uns aber zu denken.

 

Die nächste Szene zeigt die Schulklasse, wie sie u.a. darüber spricht, warum der Schüler immer wieder zu spät kommt. Keiner weiß es. Aber die Klasse zeigt sich verantwortungsvoll genug, um sich Sorgen zu machen und sich dessen annehmen zu wollen. Und genau darin liegen die Pluspunkte des Films. Er macht uns deutlich, wie wichtig es ist, einfach mal hin zu gehen und nach dem Mitschüler zu sehen. Dafür brauchen wir keine Beratungsstelle und noch keine professionelle Hilfe. Das kann jeder von uns tun. Schön, dass uns die Klasse an diese Verantwortung erinnert, manchmal sollten wir uns ein Beispiel daran nehmen.

 

Erst mit dem Besuch bei Nico daheim wird im Film klar, was das Problem dabei ist. Die Zockerei. Deutlich hebt der Film auch die Folgen hervor: Müdigkeit und mangelnde Lernmotivation. Mit entsprechenden Folgen für die Schule.

 

Und wieder verrät uns der Film zwei typische Muster aus dem Leben von Süchtigen. Zum einen sagt da der mitzockende Freund: "Ey Alter, Mann, das ist doch Nicos Sache". Solche Sätze höre ich in der Suchtarbeit zu oft. Aber er ist schlichtweg falsch. Der Süchtige entscheidet nie nur über sich. Er entscheidet auch über das ganze Umfeld. Er entscheidet, dass die Eltern sich Sorgen machen und vielleicht nachts nicht schlafen können. Er entscheidet, dass Mitschüler betroffen sind und sich einbringen wollen. Er entscheidet, dass die Lehrerin einerseits genervt ist, andererseits sich ebenfalls Sorgen macht.

 

Zum anderen meint der Schüler, dass er mit genug Energydrinks gut durchalten würde. Auch das ist typisch, wenn Sucht entstanden ist. Die Fremdregulation wird selbstverständlich, aber auch Energydrinks gehören nicht zu einem gesunden Leben.

 

Der Film enthält ein weiteres spannendes Detail. Als die Mutter ihrem Nico den Besuch ankündigen will, ruft sie nicht einfach in den Raum. Sie geht hin und berührt ihn an der Schulter. Weil er wegen der Kopfhörer das Umfeld nicht richtig hört. Man meint, die Klasse hätte Erfahrung in dieser Sache, dass sie solch ein Detail richtig darstellt.

 

Wie das Problem nun lösen? Hier greift der Film den Themenschwerpunkt "Freizeit" auf und zeigt einen guten Umgang mit dem Thema. Und Nico gibt im Film sogar einen spannenden Hinweis. Er fragt: „Und was soll ich dann in meiner Freizeit machen?“ Und tatsächlich: im Leben süchtiger Menschen geht die Vorstellung von sinnvoller Freizeitgestaltung allmählich verloren. Bis einem nichts mehr einfällt.  Es ist nur logisch, was dann passiert: Die Klassenkameraden laden ihren Freund dazu ein, bei einer Freizeitaktion (hier Kickboxen) mitzumachen. Sie geben nicht nur den Tipp "Mach mal Sport", sondern sie machen ihn zugleich mit. Dabei werden zwei Aspekte wichtig, nämlich das Aufzeigen alternativen Verhaltens, aber auch die persönliche Beziehung die dabei entstehen kann.

 

Die letzte Szene verdeutlicht, wie der Junge sich in der Klasse angekommen fühlt. Und plötzlich endet der Film so abrupt wie er begonnen hat und beendet den wahllosen Einblick in irgend ein Leben.

 

Herzlichen Glückwunsch an die Klasse 8a

   
© AK Prävention